Literatur

Rezension – The Haunted Life: die verlorene Novelle von Jack Kerouac

Ich gebe es zu, ich bin eine von diesen Komparatistik-Studenten, die während des Studiums komplett von den Literaten der Beatgeneration fasziniert waren. Ob man ihn nun mag oder nicht, Jack Kerouac hatte mit seinem Roman On the Road einen immensen Einfluss auf die amerikanische Literatur. Als ich vor einigen Monaten beim Durchstöbern einer Buchhandlung also auf The Haunted Life stieß und den Klappentext las, in dem beschrieben wird, wie der Text im Jahr 1944 unter „mysteriösen Umständen“ verloren ging und erst kürzlich wieder auftauchte, war mir klar: Das Buch muss ich haben.

Worum geht es?

The Haunted Life ist eines der frühen Werke Kerouacs und trägt – wie viele seiner anderen Texte – starke autobiographische Züge. Es erzählt die Geschichte von Peter Martin, dessen Zukunftspläne durch das Leben in der Kleinstadt Galloway sichtlich einschränkt werden. Die sorglose Art, wie Peter hier seinen Sommer verbringt, steht im Widerspruch zu dem, was gerade in der Welt passiert: der Zweite Weltkrieg ist in Europa ausgebrochen und es ist nur mehr eine Frage der Zeit bis auch die Vereinigten Staaten daran teilhaben werden.

Das Manuskript selbst ist nur 70 Seiten lang, der Rest ist gefüllt mit Erläuterungen Kerouacs, wie die Geschichte der Familie Martin verlaufen soll (später wird diese in seinem Roman The Town and the City fortgesetzt) und Briefe von seinem Vater, der in The Haunted Life fiktionalisiert als Joe Martin auftritt.

Meine Meinung zu The Haunted Life

Beim Lesen stellt sich schnell heraus, dass dies kein abgeschlossenes Manuskript ist. Die Geschichte wirkt noch nicht ganz ausgefeilt und man bekommt den Eindruck, dass hier irgendwie noch mehr dahinterstecken müsste. Trotzdem war ich begeistert von der Art, wie Kerouac es schafft, den Geist der Zeit einzufangen. Den Protagonist Peter, dessen Leichtsinnigkeit zu Beginn der Geschichte im starken Kontrast zu dem steht, was auf der Welt zu dieser Zeit passiert, plagt die Ungewissheit über seine Zukunft im Laufe des Textes. Das spiegelt wohl die Gefühlswelt der Jugendlichen in diesen Jahren ziemlich genau wider.

Besonders amüsant (und ein wenig besorgniserregend) fand ich auch, dass man die ausländerfeindlichen Aussagen des konservativen Joe Martin auch heute noch aus dem Munde gewisser Amerikaner hören könnte: „America isn’t the same country anymore; it isn’t even America anymore“ – so beginnt Mr. Martins Monolog in den ersten Sätzen der Novelle. Wem er dafür die Schuld gibt, kann man sich wohl denken. Spannend sind auch die Paratexte, die dem Werk hinzugefügt wurden. So erfährt man mehr über das schwierige Verhältnis zwischen Kerouac und seinem Vater Leo (von dem Kerouac anscheinend sein Schreibtalent geerbt hat).

Fazit

The Haunted Life ist gibt einen interessanten Einblick in Kerouacs frühes literarisches Schaffen und bietet eine Analyse der amerikanischen Gesellschaft in den 40er-Jahren (und eventuell auch heute), die ins Schwarze trifft.

Mein Rating

★★★★/5
Habt ihr das Buch gelesen? Was sagt ihr dazu? Wenn nicht – was ist euer Lieblingswerk von Jack Kerouac? Ich freue mich über jedes Kommentar!

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6 Comments

  • Reply Sylvia 5. Mai 2017 at 18:44

    Hallo Sarah,
    danke für die tolle Rezension, ich kannte dieses Kerouac-Werk noch nicht. Obwohl ich auch eine von den ehemaligen Komparatistik-Studentinnen bin, die die Sachen der Beatgeneration verschlungen hat. 😉 Für mich ist „On the Road“ der Klassiker. Freu mich auf weitere Rezensionen von dir!

    GLG Sylvia

    • Reply Sarah 5. Mai 2017 at 19:41

      Ja, „On the Road“ muss man einfach gelesen haben 😀 Und über „The Haunted Life“ bin ich auch eher zufällig gestolpert. Ich hab heute gelesen, dass es sogar noch ein „verlorenes“ Kerouac-Werk namens „The Sea is my Brother“ gibt, das werd ich mir wohl demnächst auch mal zulegen.
      Freut mich, dass dir die Rezension gefallen hat! 🙂

  • Reply Anja 5. Juni 2017 at 17:43

    Ohh ich habe auch gerade Kerouac entdeckt. Also dass es ihn gibt, wusste ich schon länger und mich hat sein eines Zitat nie losgelassen, aber ich lese jetzt zum Ersten Mal On the Road von ihm und bin hin und weg von der Beat Generation. Ich schätze dass da noch weitere Bücher folgen.
    Irgendwie waren die 50er nie so wirklich auf meinem Schirm und da ich auch keine Komparistik studiere (Wie interessant, erzähl doch mal darüber, bitte <3) hatte ich da nie Berührungspunkte.

    Liebe Grüße. Anja

    • Reply Sarah 5. Juni 2017 at 18:56

      Ach ja, die Literatur Beat Generation war schon was Tolles… ❤ Aber ohne mein Studium hätte ich eben auch nichts davon gewusst! Wenn du dich nicht entscheiden kannst, welche Bücher du lesen magst, würde ich den „Portable Beat Reader“ empfehlen – da sind Auszüge aus den wichtigsten Werken der damals tätigen Autoren drinnen.

      • Reply Sarah 5. Juni 2017 at 18:57

        *der Beat Generation natürlich 😉

      • Reply Anja 5. Juni 2017 at 20:48

        Vielen lieben Dank für den Tipp! Den werde ich mir sicher zulegen. Und beim Stöbern habe ich dann noch „Woman of the Beat Generation“ entdeckt, was sich auch unheimlich spannend anhört.
        Aber ich denke On the Road wird mich noch ein bisschen beschäftigen, bin noch ganz am Anfang 🙂

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